Wie einfach ist es für mehrsprachige Kinder, lesen zu lernen?

Fr. Dr. Schlaukind
Die Frau Doktor "Schlaukind" ist habilitiert für das Fach Psychologie und Autorin von zahlreichen wissenschaftlichen Artikeln und methodischen Handbüchern zum Thema Entwicklung der Kommunikationsfähigkeiten bei Kindern. Seit dem Jahr 2000 praktiziert sie in der Kinderpsychologie und Sprachtherapie. Um die Diskretion der Patienten zu bewahren, publiziert Sie auf diesem Blog unter dem Pseudonym Dr. Schlaukind.
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In der modernen Welt wachsen viele Kinder zweisprachig oder sogar mehrsprachig auf. Sie lernen gleichzeitig die Sprachen der Eltern und zusätzlich noch eine Landessprache, die nicht zu Hause gesprochen wird. Viele Kinder beherrschen alle Sprachen und entwickeln sie harmonisch. Bei anderen Kindern verzögert sich die Sprachentwicklung und es treten oft spezifische Fehler auf. Diese Kinder vermischen die Sprachen oft, verwenden falsche Wortendungen oder bilden grammatikalisch falsche Sätze.

Oft stellen sich die Eltern mehrsprachiger Kindern solche Fragen:

  • Verursacht ein psychologischer Konflikt Lesestörungen bei mehrsprachigen Kindern?
  • Wie ist die Lesefertigkeit mit der Entwicklung der verbalen Sprache von bilingualen und mehrsprachigen Kindern verbunden?
  • Ist Lesestörung Folge einer Sprach-Unsicherheit oder zweisprachiger Erziehung?
  • Welche Präventionsstrategien helfen bei Lesestörungen mehrsprachiger Kinder?

Wie beeinflusst eine bilinguale Erziehung den Erwerb der Schriftsprache?

Dazu gibt es unterschiedliche Meinungen. In diesem Artikel werden die Ursachen von Lesestörungen im besonderen Fall der mehrsprachigen Erziehung untersucht. Am Ende finden sich Empfehlungen und die Präventionsstrategien für Eltern und Erzieher.

Verursacht ein psychologischer Konflikt Lesestörungen bei mehrsprachigen Kindern?

Wissenschaftler und Pädagogen weisen auf einen Konflikt bei mehrsprachigen Kindern hin, der eine der Ursachen für eine Lese-Rechtschreib-Störung sein kann. Gemeint ist hiermit der psychologische Konflikt zwischen der natürlichen Neigung zur Muttersprache und der Notwendigkeit, sich in einer weiteren anderen Sprache, z. B. der Landessprache, auszudrücken. Im ersten Fall der Mehrsprachigkeit nutzt das Kind eine Sprache zu Hause und die andere in der Schule oder „auf der Straße“ (sprich: Umfeld). Im zweiten Fall sprechen die Eltern zwei unterschiedliche Sprachen zu Hause und dazu kommt oft noch die dritte Sprache der Landes und der Umgebung.

Jeder 5. der Bevölkerung in Deutschland hat einen Migrationshintergrund. Ein Drittel davon sind Kinder im Alter von bis zu 5 Jahren.

Mehrsprachige Kinder nutzen gezwungenermaßen fremde Wörter und Laute in der Kommunikation mit ihrer Umwelt. Dies kann zu einer inneren Unzufriedenheit führen und eine Kommunikationsbarriere aufbauen. Manche Kinder brauchen Zeit, um eine Sprache als Muttersprache zu bestimmen, sie neigen oft zum Schweigen. Die unzureichende Übung in der verbalen Sprache kann zu einem Stillstand des frühen Sprachlernprozesses und zur verzögerten Sprachentwicklung führen.

Dieser Konflikt führt zu einer Lese-Rechtschreib-Störung und in manchen Fällen zu Dyslexie, einer hartnäckigen Lesestörung.

>> Vorgeschlagener Artikel: Die Auswirkung von Sprachstörungen beim Lesenlernen

Wie ist die Lesefertigkeit mit der Entwicklung der verbalen Sprache mehrsprachiger Kinder verbunden?

In einer mehrsprachigen Umgebung können sich die folgenden Faktoren negativ auf die Lesekompetenz auswirken:

  • psychologischer Konflikt
  • Spracherwerbsstörungen
  • Lernstörungen

Sprachtherapeuten sind sich einig, dass der psychologische Konflikt und die emotionale Unsicherheit, in der sich das Kind befindet, zweitrangige Gründe für Dyslexie sind. Der eigentliche Grund ist die Besonderheit der verbalen Sprachentwicklung und eine expressive Sprachstörung bei mehrsprachigen Kindern. Diese führen zu einer Beeinträchtigung des Schriftspracherwerbs, welche sich durch die folgenden Störungen zeigt:

  • Sprachfehler – verwaschene Aussprache durch Verschlucken von Lauten oder kein flüssiger Sprechablauf;
  • mangelnde Sprachgestaltung und mangelndes Sprachverständnis;
  • „Vermischung“ des Vokabulars

Das heißt, in der mehrsprachigen Erziehung können Kinder Schwierigkeiten mit der Verallgemeinerung und Übertragung von sprachlichen Konzepten haben. Jede Sprache hat ihre Grundregel der rhythmischen Betonung, ihr eigenes Lautsystem und ihre grammatikalische Struktur. Die Regeln einer Zielsprache können den Regeln der anderen Zielsprache widersprechen. Das mehrsprachige Kind setzt sich mit widersprechenden Regeln in der früheren Phase des Spracherwerbs auseinander, dabei hat das Kind diese Regeln noch nicht in der dominanten Sprache (Muttersprache) vollständig erlernt. Als Ergebnis neigen diese Kinder zu einfacheren Satzstrukturen und sprechen oft noch grammatikalisch falsch. Sie verwenden falsche Laute und Wörter.

mehrsprachige kinder lesen lernen 2

Sowohl charakteristische Störungen in den früheren Phasen der verbalen Sprachentwicklung als auch verzögertes Erlernen der Sprachregeln führen zur Dyslexie bei mehrsprachigen Kindern. Der psychologische Konflikt ist also zweitrangig.

Ist Lesestörung Folge einer Sprach-Unsicherheit oder zweisprachiger Erziehung?

Lesestörungen beeinflussen die sozial-emotionale Entwicklung des Kindes. Stagnationen im Spracherwerbsprozess und Misserfolge beim Lesenlernen können Charakterzüge wie Unsicherheit, Scheu und Ängstlichkeit hervorheben und verstärken. Sie können auch umgekehrt zu Wut und Aggression führen. In allen diesen Fällen dreht sich das zwei- oder mehrsprachige Kind in einem Teufelskreis:
Die emotionalen Reaktionen vertiefen die Leseschwäche: Um eine negative Erfahrung zu vermeiden, ist das Kind beim Lesenüben sehr unwillig und verschluckt die Silben in langen Wörtern. Weitere emotionale Reaktionen entstehen wiederum aufgrund dieser Fehler beim Lesen.

Bei manchen bilingualen Kindern sind negative Gefühle auch mit verbaler Kommunikation verbunden: das Kind versteht nicht eine mündliche Erklärung und kann sich nicht gut genug in der Sprache ausdrücken.

Verbreitete Lesefehler bei solchen mehrsprachigen Kindern sind:

  • falsches Lesen von Wörtern und Phrasen (Kinder spekulieren oder raten anstatt genau zu lesen);
  • Schwierigkeiten beim Leseverständnis sowohl einzelner Wörtern als auch von ganzen Sätzen.

Wir können zusammenfassen, dass in der mehrsprachigen Erziehung spezifische Lesestörungen auftreten. Der Hauptgrund dafür ist die Verzögerung in der frühen verbalen Sprachentwicklung. Späterer Spracherwerbsbeginn in der dominanten Sprache erhärtet den Verdacht auf eine Sprachentwicklungsstörung. Dabei ist die mehrsprachige Erziehung als solche nicht für die Lesestörung ursächlich.

Welche Präventionsstrategien helfen bei Lesestörungen mehrsprachiger Kinder?

mehrsprachig lesen lernen

Wie können Eltern und Erzieher den betroffenen mehrsprachigen Kindern in der frühen Phase des Lesenlernens helfen? Verbringen Sie längere Zeit bei jedem Buchstaben: Lassen Sie das Kind die Buchstaben malen, umdrehen, ausschneiden, und ausmalen.

Spielerisch führen Sie an grafisch ähnliche Buchstaben b ‒ d, p ‒ q, Z ‒ N, W ‒ M, J ‒L heran: Besprechen Sie die grafischen Unterschiede oder Ähnlichkeiten, entwickeln sie eigene Erkennungsregeln und Erinnerungshilfen. Üben sie mit dem Kind, diese Buchstaben oft in verschiedenen Wörtern zu erkennen und auch zu lesen.

Fangen Sie mit einer Schriftsprache an und gehen sie dann erst in die zweite Sprache über, nachdem das Kind das Lesen in einer Sprache gut beherrscht.

Die wichtigste Regel: Führen Sie ihre Lern- und Spielstunde in einer Sprache durch!

Mit der Mehrsprachigkeit geben Sie ihrem Kind die großartige Chance, sich in unserer modernen und internationalen Welt zu verwirklichen. Für viele Kinder ist die Mehrsprachigkeit die natürliche Umgebung, sie lernen von Geburt an in zwei oder mehr Sprachen zu denken, zu sprechen und später auch zu lesen und zu schreiben.

Mit vorbeugenden Strategien kann zweisprachigen und mehrsprachigen Kindern mit anfänglichen Sprachentwicklungsstörungen geholfen werden. Hier wirkt die alte Regel „Übung macht den Meister“ Wunder.

10 Kommentare
  • Danke für den Beitrag! Ich habe immer gehört, dass ein mehrsprachiges Kind das Sprechen langsamer lernt bzw. beherrscht. Ich würde gerne mehr Infos dazu lesen, oder Studien zu den Themen finden…. leider gibt es kaum etwas im Netz dazu! Ich freue mich auf künftige Beiträge von der Frau Doktor ‚Schlaukind‘!

  • Ich hätte ehrlich gern mehr Studien und Fakten zu diesem Thema… mein Kind hat z.B. schon mit 3 fließend Deutsch und Arabisch gekönnt. Mag sein, dass sie ein ‚Außenlieger‘ sei, aber ich bin fest von der Bemühung der Eltern überzeugt. Es scheint mir so, als ob keiner in Deutschland sich richtig die Mühe macht, mit dem Kind durchs Alphabet zu gehen oder zusammen sitzen und das Schreiben üben.

    • und da gebe ich Ihnen nicht recht – ich habe 4 Kinder – sie wachsen 3 Sprachig auf. Der Älteste hat sehr schnell alle 3 Sprachen beherrscht.
      Die Zweite erst mit 5 und das auch erst nach dem sie endlich sich für ihre „Muttersprache“ entschied.
      unsere bald 3 Jährige mag nur 2 Sprachen, die sie derzeit mischt. Wir machen „unschooling“ also gehen die Kids weder in den Kindergarten noch in die Schule.
      Alle werden nach ihrem Bedürfnis gefördert und bei jedem legen wir ganz viel Wert auf ihre Entwicklung und trotzdem „reifen“ sie anders zu ihrer Sprachentwicklung…

  • Unser Kind ist 4 Jahre alt, und es spricht noch sehr wenig. Es ist aber 3-sprachig: Italienisch vaterseits (von mir), English mutterseits und wir wohnen in Deutschland!

    Ich hätte gern Rat: sollen wir zu Hause alle Deutsch mit dem Kind sprechen und üben, bis es in die Schule kommt? Oder dauert das nur sehr lange, bis es ’sprachfähig‘ ist?

    Dank für die Hilfe!

  • Hallo Antoni,

    unsere Kinder sind auch dreisprachig aufgewachsen. Sie hatten alle zu kämpfen, besonders mit der deutschen Sprache. Sie haben anfangs auch nicht gesprochen. Wir mussten viel unterstützen, vorlesen etc. Unser Größter ist jetzt 14 und auf dem Gymnasium. Es ist also machbar.

    Beste Grüße

    Christian

  • Sehr interessant. Danke für die Infos — habe mich gleich für den Newsletter abonniert. Meine Kinder sind 3 und 6 Jahre alt. Ich bin gespannt, was für andere Themen kommen!

  • Danke für den Beitrag.

  • Danke für die Infos! Spannendes Thema!

  • Ich mache gerade meine Montessori Lehrer Zertifizierung in den USA und lese mich gerade ein, wie multilinguale Kinder Lesen lernen als ich auf diesen Beitrag gestossen bin. Ich finde die Erklärung des Konfliktes gut beschrieben. Ich habe hier in den USA gemerkt, dass viele Kinder Deutscher Frauen kein Deutsch können, bzw. nur sehr schlecht. Oftmals wird das begründet, dass die Mutter selbst noch English lernt, und daher viele kein Deutsch zu Hause sprechen.

    Waehrend meines Studiums haben mein Mann und ich uns entschlossen OPOL – One parent one language zu machen. Ich spreche nur Deutsch (ich selbst bin bilingual Deutsch/Englisch aufgewachsen) mit den Kindern und mein Mann (auch bilingual Deutsch/Englisch) nur English. Nun haben wir gemerkt, dass unsere Kinder ganz unterschiedlich fliessend Deutsch sprechen und lesen. Unser ältestes Kind (8) ist sehr begabt im Lesen von Englischen Büchern, hat aber wie eine Art Panik Deutsch zu lesen. Mein Mittelkind kann beides fliessend ( 6.) und liest auch Deutsch allerdings auf einem niedrigen Niveau als English, und unsere Kleine (4) lernt jetzt erst die Laute der Buchstaben und vermischt Englisch und Deutsch. Das V z.B. ist der deutsche V und man merkt das bei Worten wie Van. Ihre Lehrerin kann zum Glück Deutsch und hilft ihr gezielt. Wir arbeiten auch zu Hause mit ihr an den ‚Sounds‘, bzw. mein Mann, da er ja für die Englische Sprache zuständig ist. Bei der Kleinen weiss ich, dass sie noch Zeit hat mit der Sprachregulierung und Syntax, allerdings frage ich mich, wieso unsere Grosse die am meisten von Deutschen umgeben war solche Probleme mit dem Lesen und auch Deutsch sprechen hat. Ist das dieser Konflikt den Sie angebrochen hatten (sie hat keinerlei Anzeichen von irgend einer Lernschwäche und ist sogar als Begabt eingestuft worden nach einer akademischen und psychologischen Evaluierung), oder ist das vielleicht einfach nur ihre Persönlichkeit?

  • Sehr interessant. Danke!

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