Die Auswirkung von Sprachstörungen beim Lesenlernen

Fr. Dr. Schlaukind
Die Frau Doktor "Schlaukind" ist habilitiert für das Fach Psychologie und Autorin von zahlreichen wissenschaftlichen Artikeln und methodischen Handbüchern zum Thema Entwicklung der Kommunikationsfähigkeiten bei Kindern. Seit dem Jahr 2000 praktiziert sie in der Kinderpsychologie und Sprachtherapie. Um die Diskretion der Patienten zu bewahren, publiziert Sie auf diesem Blog unter dem Pseudonym Dr. Schlaukind.
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Die meisten Kinder, die Schwierigkeiten beim Lesenlernen zeigen, haben oder hatten eine Form der Sprachstörung. Welche Rolle spielen die Sprachstörungen beim Schriftspracherwerb eines Kindes?

Logopäden und Psychologen sind der Meinung, dass Sprachstörungen für das Versagen einiger Funktionen verantwortlich sind, die für die Alphabetisierung und das Erlernen von lesen und schreiben erforderlich sind. Störungen, die phonetisch-phonologische, psycholinguistische und pragmatische-kommunikative Ebenen der Sprache betreffen, wirken auf unterschiedliche Weise, aber immer negativ auf den Lernprozess bei Kindern. Wahrnehmbare sprachliche Auffälligkeiten sind zum Beispiel falsch gebildete Laute, Schwächen bei auditiver Unterscheidung der Laute, unzureichender Wortschatz und falscher Einsatz von grammatikalischen Strukturen.

Zunächst einmal sollten wir definieren, was Sprachstörung überhaupt ist.

Was ist eine normkonforme Sprachentwicklung und wie wird eine Sprachstörung diagnostiziert?

Es ist zuerst wichtig zu verstehen, dass Sprachstörungen eine Abweichung von der normalen Sprachentwicklung ist. Sogenannte „Sprachentwicklungsnormen“ sind übliche Formen des Sprachgebrauchs.
Sprachstörungen sind daher Abweichungen in der Sprache von diesen Normen, die als regelgetreuer, alters- und entwicklungsgerechter Gebrauch der Muttersprache definiert wird. Abweichungen sind von einer Störung der psychophysiologischen Funktionen des Sprachsystems verursacht.

Experten diagnostizieren Sprachstörungen nach einer Anfangsphase des Spracherwerbs des Kindes in den folgenden Fällen:

  • Die Sprachentwicklung ist nicht altersgerecht.
  • Die Sprache des Kindes stellt keinen Dialekt dar und das Kind ist kein Sprach-Analphabet.
  • Es besteht kein Zusammenhang mit Unkenntnis der Sprache.
  • Die Sprachstörung ist nachhaltig.
  • Diese Störungen können sich auf eine, mehrere oder alle Strukturebenen und Teilfunktionen des Sprachsystems erstrecken.

Vorgeschlagener Artikel: Wie einfach ist es für mehrsprachige Kinder, lesen zu lernen?

Ist mein Kind Legastheniker? Welche Fehler beim Lesen sind typisch für diese Kinder?

In der Literatur wird Legasthenie als anhaltende Entwicklungsverzögerung beim Lesen oder Schreiben bei Kindern definiert.
Legasthenie ist eine spezifische Störung des Lernprozesses beim Lesen aufgrund unzureichender Entwicklung von höheren psychischen Funktionen (visuelle und räumliche Wahrnehmung, Aufmerksamkeit und Selbstkontrolle usw.) und manifestiert sich in wiederholender und beständiger Leseschwäche. Legasthenie wirkt sich auf den Prozess des Lesenlernens durch Beeinträchtigung der Lesefertigkeit und deutliche Verlangsamung in der Leseflüssigkeit aus.

Folgende Fehler werden in der Gruppe der Legasthenie beobachtet:

  • Substitution ähnlich klingender Laute beim Lesen (stimmhafte und stimmlose p, t, k und b, d, g);
  • ähnlicher Ersatz spiegelbildlicher Buchstaben (b ‒ d, p ‒ q, Z ‒ N, W ‒ M, J ‒ L);
  • Schwierigkeiten mit der Synthese: Es gelingt nicht, die Laute miteinander zu Silben und Wörtern zu verschmelzen;
  • Ausfallen, Umstellen von einzelnen Buchstaben und Einfügen neuartiger Buchstaben in Wörter;
  • Ausfallen, Umstellen von einzelnen Silben;
  • Beeinträchtigung des Leseverständnisses bei einzelnen Wörtern, Sätzen oder des Gesamttexts;
  • falsches Lesen der Wortendungen, Auslassen der Präpositionen;
  • umgekehrtes Lesen von Wörtern: von rechts nach links.

Es sollte beachtet werden, dass diese Fehler beim Lesen auch bei Leseanfängern durchaus üblich sind und dann keine Lesestörung darstellen. Wenn sie jedoch beim Lesen nachhaltig vorhanden sind, nachdem das Kind einen Buchstabenlerngang abgeschlossen hat und das Prinzip des Lesens verstanden hat, dann dürften solche Fehler auf eine Lesestörung hindeuten.

Sprachstörungen lesenlernen

Wie wirken sich Sprachstörungen auf den Prozess des Lesenlernens aus?

Da Sprachstörungen bei Kindern vielfältig sind, ist deren Einfluss auf das Lesenlernen unterschiedlich.

Lesen ist ein Prozess, der eine Vielzahl von Analysatoren aktiviert: visuelle, sprachmotorische, sprachauditive. Der Lesevorgang beginnt mit der visuellen Wahrnehmung, Differenzierung und Erkennung von Buchstaben. Kinder mit Sprachstörungen weisen oft Schwierigkeiten bei der visuellen Wahrnehmung in der Anfangsphase auf. Dies führt zu Problemen bei der Differenzierung grafisch ähnlicher Buchstaben und bei der Erkennung der Buchstaben in einer Buchstabenreihe. Hier wird oft das Ersetzen, Auslassen und Hinzufügen von Buchstaben und Silben beobachtet.

Auf der nächsten Stufe des Lesenlernens wird die Verbindung zwischen Buchstaben und entsprechenden Lauten mittels einer Anlauttabelle geübt. Als Ergebnis können die Laute in den Wörtern verbunden und gelesen werden. Wenn ein Kind eine Störung bei der Wiedergabe von Lauten aufweist (Überspringen oder Verzerrung der Laute), dann liest das Kind die Worte fehlerhaft. Dies macht das Lesen für das Kind und die Zuhörer unverständlich.

Schließlich in der letzten Stufe des Lesenlernens erfolgt die Wortbedeutung-Verbindung. Als Folge der falschen Aussprache oder eines mangelhaften Wortgedächtnisses sowie die „Unwissenheit“ über viele Wörter, kann das Kind das Gelesene nicht verstehen. Es kann die Bedeutung der einzelnen Worte verstehen, aber vergisst diese im Laufe des Lesens.

Somit wird aufgrund von Sprachstörungen und der damit verbundenen Schwierigkeit in der Arbeit der höheren psychischen Funktionen der Leseprozess negativ beeinträchtigt und die Kinder müssen technische und semantische Hürden überwinden. Die Verständnisprobleme werden oft mit der Beseitigung der Sprachstörungen überwunden. Aber häufig gibt es auch Fälle, in denen die Sprache des Kindes normkonform, aber die Lesestörung persistent ist.

In diesem Fall muss der Experte die Ursache dieser Störungen ermitteln und welche Funktionen betroffen sind. Dann identifiziert er die Form von Legasthenie und entwickelt ein individuelles Förderprogramm.

Heute ist bewiesen: Je früher die Sprachstörungen bei Kindern behoben werden, desto niedriger ist das Risiko von Lernstörungen beim Lesen und Schreiben.

2 Kommentare
  • Ich bin ehrlich gesagt noch skeptisch darüber. Wäre schon gut, wenn man Studien oder Beispiele hier einbinden würde

    • Fr. Dr. Schlaukind
      Fr. Dr. Schlaukind Dezember 29, 2017 um 10:32

      Liebe Reva – danke erstmal dafür, dass Sie ein Kommentar hinterlassen hat! Wir freuen uns immer auf Feedback.

      Beispiele aus der Praxis wird in den Blogartikeln leider aus gutem Grund nicht erwähnt bzw. nicht geschildert. Wir wollen nämlich meiden, dass die Identität bestimmten Kinder in meiner Praxis durch die Beispiele wiedererkannt wurde, zum Beispiel. Auf andere Studien können wir selbstverständlich in Zukunft verlinken.

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