Benötigen Linkshänder besondere Leseförderung in der Schule?

Fr. Dr. Schlaukind
Die Frau Doktor "Schlaukind" ist habilitiert für das Fach Psychologie und Autorin von zahlreichen wissenschaftlichen Artikeln und methodischen Handbüchern zum Thema Entwicklung der Kommunikationsfähigkeiten bei Kindern. Seit dem Jahr 2000 praktiziert sie in der Kinderpsychologie und Sprachtherapie. Um die Diskretion der Patienten zu bewahren, publiziert Sie auf diesem Blog unter dem Pseudonym Dr. Schlaukind.
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Einige der häufigsten Fragen an mich als Kinderpsychologin und Sprachtherapeutin betrifft Lesestörungen. Eltern stellen mir Fragen wie:

  • Warum liest mein Kind von rechts nach links?
  • Wieso verschluckt mein Kind Wortendungen und Präpositionen?
  • Warum lernt mein Kind so langsam das Lesen und Schreiben?
  • Wie kann ich meinem Kind helfen, die Lernschwierigkeiten zu überwinden und ein motivierter Schüler zu werden?

Schon im Stadium der Informationssammlung über die Entwicklungsgeschichte eines Kindes stelle ich fest, ob das Kind Linkshänder ist. Ich habe dann eine Reihe von Hypothesen über den Ursprung der Lernschwierigkeiten bei der Alphabetisierung, dem Zählen und Rechnen.

Auf jeden Fall gibt es eine direkte Verbindung zwischen Lernschwierigkeiten und Linkshänder.

Ich muss gleich hervorheben, dass die geistige Entwicklung eines Linkshänders bis heute zu gegensätzlichen wissenschaftlichen Diskussionen führt. Die Wissenschaftler streiten über den Ursprung der Linkshändigkeit, die Unterschiede zwischen Linkshändigkeit und Linkshänder, die Besonderheiten ihrer geistigen Entwicklung und Sprachverarbeitung. Es gibt aber eine klare Schlussfolgerung aus allen Diskussionen: Unter Menschen mit Leseschwierigkeiten ist die Anzahl der Linkshänder besonders hoch.

Wenn ich die mir vorliegenden Fälle analysiere, kann ich auf jeden Fall die Häufigkeit der bei Linkshändern erwähnten Leseschwierigkeit bestätigen.

Vorgeschlagener Artikel: Die Auswirkung von Sprachstörungen beim Lesenlernen

Wie Linkshänder lesen und schreiben lernen

Das Vorliegen von Linkshändigkeit bei einem Kind (voll oder teilweise) bedeutet in den meisten Fällen eine atypische geistige Entwicklung, die sich von dem allgemein akzeptierten statistischen Durchschnitt unterscheidet. Daher können bei Linkshändern eine Reihe von Entwicklungsverzögerungen, insbesondere bei ihrer mündlichen und schriftlichen Sprachentwicklung, beim Zählen und Rechnen beobachtet werden. Bei den Kindern besteht auch die Gefahr des Stotterns.

Die Zahl der Linkshänder mit Lernschwierigkeiten liegt etwa zweieinhalb Mal höher als der Durchschnitt für Rechtshänder.

Die Gründe dafür sind vielfältig. Der entscheidende Faktor ist jedoch die untrennbare und innere Verbindung der Linkshändigkeit und der hemisphärischen Dominanz, die zu einer spezifischen funktionalen Organisation des Gehirns führt. Das bedeutet, dass die Gehirnarbeit dieser Kinder im Vergleich zu Rechtshändern einigen anderen Regeln folgt.

Charakteristisches Merkmal der Linkshänder ist die unzureichende und spezifische Entwicklung der visuellen Wahrnehmung, die normalerweise die Grundlage für das Beherrschen von Lesen und Schreiben bildet.

Für diese Kinder sind Schwierigkeiten bei der Interaktion der zerebralen Hemisphären typisch. Dies führt zu einer Verlangsamung der Informationsaufnahme und -verarbeitung: visuell, auditiv und taktil.
Leider erhalten Kinder mit Linkshändigkeit oft keine ausreichende Hilfe in der Schule, da Bildung und Erziehung auf Rechtshänder fokussiert sind.

Vorgeschlagener Artikel: Wie einfach ist es für mehrsprachige Kinder, lesen zu lernen?

Das Schreiben mit links oder rechts: Sollten Linkshänder umgeschult werden?

Eltern fragen sich oft: Ist es möglich, bevor es zu spät ist, das Kind umzuschulen? Aus einem Linkshänder einen Rechtshänder zu machen? Vielleicht werden so die potenziellen Lernschwierigkeiten später vermieden?

Die Antwort darauf ist ein klares „Nein“!

Ich habe bereits erwähnt, dass die Wissenschaft sagt: Linkshändigkeit ist nicht nur mit der linken Hand verbunden, sondern vor allem mit der besonderen Organisation der Gehirnarbeit und damit der geistigen Entwicklung! Daher wird jede Umschulung nicht nur den Prozess der Beherrschung des Lesens und Schreibens verlangsamen, sondern kann auch viele neurotische Symptome verursachen: Stottern, Ticks, Bettnässen, soziale Fehlanpassung des Kindes.

Statt der Umschulung helfen Sie dem Kind, sich entsprechend seiner Fähigkeiten zu entwickeln. Üben Sie die praktischen Schlüsselkompetenzen, welche die Voraussetzung für das Erlernen des Lesens sind. Auf diesem Wege können viele potenzielle Lernschwierigkeiten später vermieden werden.

Linkshänder lesen schrieben lernenWelche Besonderheiten sollten bei der Leseentwicklung von Linkshändern beachtet werden?

Von größtem Interesse ist die Tatsache, dass Linkshänder erfolgreich allgemeines Lesen erlernen können, aber beim Studium einzelner Buchstaben ernsthafte Schwierigkeiten haben: Jeder Buchstabe wird bei diesen Kindern über längere Zeit studiert und es mangelt an flüssigem Erkennen der Buchstaben.

Die Schwierigkeiten beim Lesen, die Linkshänder-Kinder haben, sind sehr vielfältig. Manche Kinder erleben sie im frühen Stadium der Alphabetisierung, während sie bei anderen beim Lesen von Texten auftreten. Im Vergleich zu Rechtshändern treten bei Linkshändern 2,5 bis 3 Mal häufiger Schwierigkeiten auf, die schriftliche Sprache zu beherrschen und zwar sowohl beim Schreiben als auch beim Lesen.

Die häufigsten Schwierigkeiten der Linkshänder beim Lesen sind:

  • Sie memorieren Buchstaben nur langsam, verwechseln ähnliche Laute (z. B. T ‒ K wie Tanne ‒ Kanne); trotz Kenntnis einzelner Buchstaben werden sie innerhalb eines Wortes nicht erkannt (auch bei umgekehrten Formen, Schattierungen oder bei fehlenden Elementen der Buchstaben etc.).
  • Erstaunlich ist, dass einige Kinder von rechts nach links oder von der Mitte der Seite lesen und öfter ganze Zeilen überspringen. Natürlich entsteht dabei „Abrakadabra“ und die Lektüre ergibt keinen Sinn.
  • In manchen Fällen können linkshändige Kinder einzelne Buchstaben leicht erlernen, aber es fällt ihnen schwer, sie zu Worten zu kombinieren. Beim Lesen „fallen“ ganze Silben aus den Wörtern oder die Kinder betonen nicht die Endungen oder erlernen die Wörter falsch (z. B. „langsame“ und nicht „langsamer“, „Schüle“ und nicht „Schüler“).
  • Diese Kinder fallen oft durch Leseflüssigkeits-Prüfungen. Die Kinder lesen grundsätzlich langsamer.
  • Es können Schwierigkeiten auch bei der Verbindung zwischen einem Wort (als Buchstabenkombination) und dessen Bedeutung entstehen. Das Kind kann trotz Beherrschung der Lesetechnik nicht verstehen, was gelesen wurde.

Den beschriebenen Schwierigkeiten liegen verschiedene Ursachen zugrunde: Störung der visuellen und räumlichen Wahrnehmung als Folge einer instabilen okularen Dominanz, Schwierigkeiten bei der Verarbeitung und Speicherung von Informationen.

Wie Sie Ihr Kind trotz Linkshändigkeit beim Lesenlernen motivieren können

Ein linkshändiges Kind ist genauso zu motivieren wie ein rechtshändiges. Erfolgreiches Lesen erleben bewirkt positive Emotionen. Erwachsene sollen die Besonderheiten der Gehirnarbeit von Linkshändern berücksichtigen und sie nicht nach den Kriterien für Rechtshänder beurteilen. Diese Kinder müssen gefördert und auf keinen Fall unter Zeitdruck gestellt werden. Das ist die wichtigste Voraussetzung für effektive Leseförderung.

Wie in dem Artikel beschrieben treten die Schwierigkeiten beim Lesenlernen häufig auch als Folge der Inflexibilität von Bildungsprogrammen und traditionelle Fixierung auf Rechtshänder auf. Differenzierte Ansätze unter Berücksichtigung der kognitiven Entwicklung von linkshändigen Kindern hilft, den psychologischen Druck zu verringern und die fesselnde Welt des Lesens und der Literatur den Linkshändern leichter zu öffnen!

2 Kommentare
  • Krass – das hätte ich nie gedacht. Meine Frau und ich sind beide Linkshänder, unser Sohn (3 J.) scheint Rechtshänder zu sein. Wir sind gespannt, wie es ihm in der Schule geht, also, ob er etwa so viel Schwierigkeiten erleben muss wie wir damals.

  • Fast unglaublich, dass es so einen konkreten Zusammenhang gibt. Das hätte ich selber (als Rechtshänder) nie gedacht! Ich bedanke mich für den Beitrag – und bitte weiter so!

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